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[Konzertbericht] This Is The Greatest Show mit einem sehr langen Vorwort

Vor ungefähr 2 ½ Jahren habe ich mir ein Ticket für „This Is The Greatest Show – Die größten Musicalhits aller Zeiten“ gegönnt. Dritte Reihe. Ich gebe zu, dass sie ausschließlich wegen Jan Ammann und Mark Seibert gekauft zu haben, denn einerseits wollte ich sie sehr gerne gemeinsam auf der Bühne erleben, andererseits besteht das Programm aus Film-Songs, die ich am liebsten von den Original-Interpreten höre und deretwegen ich nicht über siebzig Euro ausgeben würde. Bringen wir die Kaufentscheidung auf die prägnante Formel: 95% Ammann und Seibert und 5% Setlist.

Dann kam Corona und die Veranstaltung wurde das erste Mal verschoben. Nachdem ich mich Monate darauf gefreut hatte. Naja, dafür konnte niemand etwas (außer vielleicht die Chinesen 😉 ). Aber auch zwölf Monate später war es nicht möglich, die Veranstaltung durchzuführen. Ach, Menno! Bedeutete also, weitere Monate der Vorfreude. Bekanntlich ist die ja ohnehin am Schönsten. In diesem Fall stimmte das definitiv.

Am letzten Freitag und ich drei Jahre älter (Rätselfrage, wie das möglich ist 😀 ) war der Tag der Show tatsächlich endlich da und ich begab mich mit dem Zug zum Ort des Geschehens. Ein paar Tage vorher hatte ich zwar irgendwo gelesen, dass Jan Ammann bei einer der vorherigen Shows ausgefallen war und richtete mich innerlich auf sein mögliches Fehlen ein, hoffte aber noch das Beste. Immerhin blieb im Fall der Fälle Mark Seibert. Ach, wie naiv ich doch manchmal bin!
Nach diesem Wink mit dem Zaunpfahl ahnt Ihr wahrscheinlich schon, was dann passierte und Ihr habt Recht! Weder Jan Ammann noch Mark Seibert betraten die Bühne!! Was für eine Enttäuschung!!!! (Gedanklich bitte weitere Ausrufezeichen anfügen). Ich erinnerte mich daran, dass Mark Seibert bei einer der vorhergehenden Tourneen dieser Veranstaltungsreihe ebenfalls ausgefallen war. Daraufhin gab es eine Ankündigung, in der den Käufern angeboten wurde, ihr Ticket zurückzugeben, falls sie es wegen ihm erstanden hatten. Das hätte ich mir auch hier gewünscht! Es wäre einfach fair gewesen, denn die Tournee wurde ja explizit mit den beiden Sängern beworben. Es ist dem Veranstalter also absolut klar, dass sie ein wichtiges (oder sogar das wichtigste) Kaufargument darstellen.

Ja, ich verstehe, dass die Einnahmen längst in andere Kanäle geflossen sind. Auch habe ich Verständnis für die gebeutelte Veranstaltungsbranche und ebenso, dass man die Shows endlich durchziehen wollte. Das ist durchaus anerkennenswert. Selbstverständlich muss man in Coronazeiten immer mit Ausfällen rechnen. Aber all diese Erkenntnisse ändern an meiner auch heute noch andauernden Enttäuschung nichts. Eine so lange Wartezeit auf die Veranstaltung, ein recht teures Ticket, eine längere Anfahrt, Warten auf dem kalten Bahnsteig… ich war bereit dazu, aber unter anderen Voraussetzungen. Jetzt hatte ich das alles auf mich genommen, ohne die „versprochene Belohnung“ zu erhalten. Nun könnte man einwenden, dass die Gegenleistung der Show erbracht wurde. Einerseits stimmt das natürlich, andererseits nicht. Denn auch die Show war ein bisschen anders beworben worden und das reale Programm entsprach stellenweise nicht zum versprochenen Inhalt. In meiner eigentlichen Kritik werde ich das noch erläutern.

Die ersten Minuten konnte ich vor Enttäuschung kaum auf Bühne blicken und überlegte sehr ernsthaft, in der Pause zu gehen. Dann riss ich mich zusammen, weil ich nicht respektlos gegenüber den anwesenden Künstlern sein wollte, aber auch um noch das Beste aus dem Abend zu machen. Und wie der sich entwickelte, berichte ich Euch nun Allgemeines Aufatmen 😉 .

Zuerst betrat die sechsköpfige Band die Bühne, deren Zentrum ein kreisförmiger Bogen mit Glühbirnen zierte, durch den die Künstler auftraten. Das Lichtdesign schuf die passende Stimmung zu den Liedern und setzte gekonnt hübsche Effekte. Eines meiner Highlights.
Die Band bestand aus zwei Keyboardern, zwei Gitarristen, einem Bassisten und einem Schlagzeuger. Der Sound war recht gut, aber trotz dritter Reihe hätte ich mir besonders bei der E-Gitarre mehr „Wumms“ gewünscht. Da der Großteil des Publikums aber aus eher gesetzten Paaren mittleren Alters bestand, kann ich nachvollziehen, dass der Sound etwas gedrosselt wurde. Abgesehen vom ABBA– und QUEEN-Medley konnte ich auch ganz gut damit leben (mir war ja eh schon alles egal 😀 ).

Dann betrat das Ensemble die Bühne und gab mit This is the greatest Show seinen musikalischen Einstand. Es folgte Friedrich Rau, der sowohl die Rolle von Mark Seibert als auch die Moderation des Abends übernahm. Für Jan Ammann sprang Jonas Hein ein, der mir seltsam bekannt vorkam. Die spätere Recherche ergab, dass er an The Voice of Germany teilgenommen hat, doch das gucke ich gar nicht.
Wie angekündigt, standen ihnen Michaela Schober und Roberta Valentini als weibliche Hauptdarstellerinnen zur Seite. Unterstützt wurden die vier von (wenn ich mich nicht irre) acht Darstellern und -darstellerinnen. Leider kann ich außer Karolin Konert keine weiteren Namen nennen. Einerseits wurden weder sie noch die Bandmitglieder während der Show namentlich vorgestellt, noch befinden sie sich alle korrekt im Programmheft wider. Das habe ich zwar nicht gekauft, aber später davon erfahren. Die Beteiligten (inklusive Band) wirkten sympathisch, engagiert und haben durchgehend eine gute Leistung präsentiert. Sie alle taten mir schon leid, denn sie wussten bestimmt, dass viele enttäuschte Zuschauer vor ihnen saßen.
Wie gesagt machten Rau und Hein ihre Sache sehr gut gemacht und Erster schien wirklich bemüht, den Funken aufs Publikum überspringen zu lassen. Nichtsdestotrotz hätten Ammann und Seibert mit ihrem Können und ihrer Bühnenpräsenz die Show definitiv auf auf ein anderes Level gehoben. Es tut mir richtig im Herzen weh und ich möchte Raus und Heins Leistung auf gar keinen Fall schmälern, aber Ihr versteht sicher, was ich meine.
Michaela Schober, Roberta Valentini und Karolin Konert hingegen haben in meinen Augen bzw. Ohren alles überstrahlt. Sie haben großartige Stimmen und insbesondere Michaela Schober feiere ich. Sie ist einfach eine Erscheinung und weiß genau, wie sie eine Bühne bespielen muss. Und es gehört schon viel dazu, die Rolle der bärtigen Dame aus The Greatest Showman nicht nur zu übernehmen, sondern auch so kraftvoll und charismatisch zum Strahlen zu bringen. Nun gut, es sei eingeräumt, dass Schober, Valentini und Konert insgesamt die anspruchsvolleren, kraftvolleren Lieder singen durften. Wenn man gesanglich in der Lage ist, solche Kaliber wie Lass Jetzt Los, Never Enough oder This Is Me zu stemmen, beeindrucken die Songs immer. Bei Konerts Never Enough hatte ich sogar Gänsehaut im Gesicht!

Sehr lobend erwähnt werden muss auch der Darsteller, der Johnny Depp ähnelt und eine Körperbeherrschung an den Tag legte, die ich niemals erwartet hätte. Hochachtung! Er war einer meiner weiteren Highlights und es war eine tolle Idee, mit seiner Hilfe die Akrobatik der Filmszene von „Rewrite the Stars“ in anderer Weise auf die Bühne zu zaubern. Er wurde dafür gebührend und verdient gefeiert. Nebenbei erweckte er mit seiner Tanzpartnerin den ikonischen Moment aus Dirty Dancing zum Leben, womit wohl auch keiner gerechnet hat.

Zum Inhalt der Show. Sie gehört zur Veranstaltungsreihe Die größten Musicalhits aller Zeiten, die seit einigen Jahren unter wechselnden Schwerpunkten durchgeführt wird. In diesem Jahr handelte es sich strenggenommen nicht um Musicalhits, sondern um die unvergesslichen Songs aus den schönsten Musikfilmen aller Zeiten. Umgesetzt werden soll die Prämisse mit Titel aus Dirty Dancing, Die Eiskönigin, Fame, Flashdance, Footloose, Grease, The Rocky Horror Picture Show u.a. Die Anzahl der Songs variiert. Aus manchen Filmen gibt es nur einen „Hit“ zu hören, andere sind mit zwei oder mehr vertreten. Dabei wird chronologisch vorgegangen. Es beginnt mit den Siebzigern. Im zweiten Block erreichen wir die 2000, wobei The Greatest Showman den Höhepunkt darstellt.

Insgesamt war das Programm stimmig. Hier und da wurde allerdings meines Erachtens nach ein kleines bisschen „geschummelt“. Beispielweise halte ich weder The Prom noch Wie im Himmel für große Filmhits oder ihre Lieder für „unvergesslich“. Die aus Das Phantom der Oper wurden auch nicht durch den Film derart bekannt (das Phantom trug leider nicht mal eine Maske 🙂 ).
Als ich die Tickets gekauft habe, wurde außerdem noch La La Land versprochen, was ganz unter den Tisch gefallen wurde. Persönlich fand ich es sehr schade, weil ich den Soundtrack liebe und mich darauf gefreut hatte. Stattdessen entschied man sich für ein QUEEN-Medley und verwies auf Bohemian Rhapsody. Als Queen-Fan stehe ich nicht von Freddie gesungenen Queen-Songs extrem kritisch gegenüber (ich verabscheue sie 😀 ), aber in Hinblick auf die Dramaturgie des Abends kann ich die Entscheidung in diesem Fall ebenso wie für Das Phantom oder Mamma Mia nachvollziehen. Man will ja Stimmung erzielen. Doch hier hätte ich mir wieder besagten „Wumms“ gewünscht.

Apropos „ertragen“. Das grenzdebile, mechanische Klatschen des Publikums Minus mir war schlimm. Anscheinend freut sich der Durchschnittsdeutsche so sehr, wenn er einen Takt gefunden hat, dass jedes Lied mit dem ewig gleichen Klatsch-Rhythmus begleitet werden muss. Das mache ich aus Prinzip nicht mit! Sorry, not sorry!! Selbst als dazu aufgerufen wurde, zum ABBA-Medley aufzustehen, bewegten sich die Menschen nicht im Takt, sondern standen wie Zinnsoldaten dar, die mechanisch die Hände zusammenführten. Es muss von der Bühne aus aussehen, wie eine Armee von Klatschern. Gruselig 😀 .

Teilweise wurden die Lieder mit kleinen szenischen Darstellungen unterfüttert, so dass man ahnte, was in der entsprechenden Filmszene bzw. Geschichte passiert. So wurde die Show abwechslungsreich und relativ dynamisch. Die Kostüme orientieren sich ebenfalls an den Filmen, was man direkt wahrnehmen kann und was mir wirklich sehr gefallen hat. Es trägt zusätzlich zur Stimmung bei und schenkt der Show mehr Glamour als wenn die beteiligten Sängerinnen und Sänger lediglich in Abendgarderobe vor den Mikros stehen.

Alles in allem war die Veranstaltung nicht ohne Makel, aber darüber könnte man als geneigter Fan hinwegsehen. Doch leider war ich das an jenem Abend nicht. Ich war enttäuscht und das hat den Abend einfach überschattet. Dagegen war kein Kraut bzw. kein Lied gewachsen. Selbst meine Highlights (Michaela Schober, Mr. Akrobat und das Lichtdesign) konnten mir kein breites Lächeln aufs Gesicht zaubern. Der Abend hinterließ keinen Nachhall bei mir, außer den durchgefroren zuhause anzukommen.
Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass ich keine Tickets mehr für Ensemble-Produktionen kaufen werde, denn darin kann anscheinend jeder ohne Ankündigung ersetzt werden.