[Filmkritik] Die Erfindung der Wahrheit

Erfindung der Wahrheit

Die Lobbyistin Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) weiß, wen sie in Washington manipulieren muss, um die Ziele ihrer Kunden zu erreichen. Dabei ist ihr jedes Mittel Recht und „Skrupel“ ein Fremdwort. Dem Gegner immer einen Schritt voraus zu sein, ist ihr Credo und ihre Erfolgsformel.

Als über ein Gesetz zur stärkeren Kontrolle bei Waffenverkäufen abgestimmt werden soll, wird die Kanzlei Cole Kravitz & Waterman von der Waffenindustrie beauftragt, dies zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Elizabeth Sloan soll die Kampagne übernehmen, doch sehr zum Missfallen ihrer Vorgesetzten lehnt sie ab. Stattdessen wechselt sie mit ihrem Mitarbeiterstab zur Konkurrenz. Die vertritt auch noch ausgerechnet die Gegner des Gesetzentwurfs, deren Kampagne nun Elisabeth anführt. Hat sie etwas plötzlich so etwas wie ein Gewissen entdeckt? Was auch der Grund sein mag, sie macht sich mächtige Gegner und die wollen ihre Karriere zerstören.

Politik, Lobbyismus, Washington, Waffengesetze – klingt auf den ersten Blick nicht sehr verlockend, sondern eher trocken und langweilig.
Regisseur John Madden führt die Zuschauer in die sprichwörtliche Schlangengrube. Jeder Lobbyist versucht, dem anderen einen Schritt voraus zu sein. Das gilt sowohl für Gegner als auch Kollegen. Entweder es werden Pläne, Intrigen und Fallen ausgetüftelt oder versucht, ihnen nicht aufzusitzen. Es ist eine sehr raue Welt, in der nur die cleverste und rücksichtsloseste Person überleben kann. Geht es wirklich so hinter den Kulissen der US-Politik zu? Wer weiß, vor Trump vielleicht, aber das Szenario wirkt in jedem Fall schonungslos glaubwürdig.

In dieser sprichwörtlichen Schlangengrube stellt Elizabeth Sloane das ideale Reptil dar. Intelligent, stark, aalglatt und wendig erfüllt sie zielstrebig ihren Job. Sie ist hart, knallhart. Diese Frau möchte niemand zur Feindin haben. Doch ihr Erfolg hat einen Preis, denn im Beruf als auch im Privatleben ist die junge Frau eine Einzelkämpferin, die niemandem vertrauen kann. Obwohl und weil sie rücksichtslos und kalt agiert und sich an ihre von Männern dominierte Umwelt angepasst hat, ist sie ein so spannender Charakter. Die Kostüme reflektieren dies perfekt, lassen Elisabeth auch äußerlich klar, makellos und abweisend wirken. Nicht nur diese Seite stellt Jessica Chastain famos dar, sondern lässt auch immer wieder die perfekte und harte Fassade ihrer Figur für kurze Momente bröckeln. Wohltuend ist allerdings, dass nicht versucht wird, ihr Verhalten psychologisch zu erklären. Es wird nichts Substantielles aus ihrer Vergangenheit oder von ihrer Familie erzählt. Einerseits passt das perfekt zu ihrem Image, andererseits würde man gerne mehr über die Gründe erfahren, warum sie so geworden ist. Insgesamt führt das dazu, dass man nicht mit Elizabeth mitfühlt, sondern sie vielmehr beobachtet wie ein exotisches Wesen von dem man fasziniert ist.

Obwohl J. Chastain den Film dominiert, besticht Mark Strong als Rodolfo Schmidt, ihr neuer Vorgesetzter und Leiter der Kampagne gegen das Waffengesetz. Es ist wirklich toll, diesen hervorragenden Schauspieler in einer größeren Rolle zu erleben. Glücklicherweise wurde der Versuchung widerstanden, eine Liebesgeschichte zwischen den zwei Lobbyisten einzubauen.
Auch die übrigen DarstellerInnen wissen ihre Rollen überzeugend mit Leben zu füllen. An dieser Stelle soll John Lithgow besondere Erwähnung finden, der sich jede noch so kleine Rolle zu eigen macht. Allen Darstellern kommen dabei die geschliffenen Dialoge zugute. Denen zu folgen, macht wirklich Spaß! Sloanes Kommentare sind beispielsweise scharf wie ein Rasierklingen.

So reich Elisabeths Welt an Fallstricken ist, so ist es auch die Handlung. Obwohl sie augenscheinlich schnörkellos voranschreitet, zeigt sich im Nachhinein, dass nicht alles so ist wie es der erste Blick suggerierte. Manche könnten die Wendungen stellenweise für überzogen halten, andere denken, dass sie nur folgerichtig aufeinander aufbauen sind.

Die Gebäude, die Inneneinrichtung und das Licht entsprechen der abweisenden Umwelt, in der sich die Figuren bewegen. Private oder gar intime Momente erlebt Elisabeth nur selten. Selbst ihr Privatleben wickelt sie wie ein Geschäft ab und findet folgerichtig entweder in einem Chinarestaurant oder einem Hotelzimmer statt.

Die Erfindung der Wahrheit funktioniert auf drei Ebenen:

Es zeigt eindrucksvoll das System der Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Lobbyismus.
Außerdem ist es die Charakterstudie einer Frau, die sich dem System verschreibt und sich darüber selbst verleugnet.
Und schließlich funktioniert der Film als Thriller, der mit einer kernigen und wendungsreichen Handlung fesselt. Jede dieser Ebenen ist überzeugend, spannend und überraschend.

8/10 Tickets

8Tickets

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2 Gedanken zu „[Filmkritik] Die Erfindung der Wahrheit

  1. Ma-Go

    Diesen Film habe ich zufälligerweise auch erst letzte Woche gesehen und gebe dir in fast allen Punkten recht. Außer vielleicht dass Mark Strong (den ich sehr schätze) und John Lithgow (keine Ahnung wer das ist) mir besonders aufgefallen wären.

    Wie du auch, fand ich sehr gut, dass nicht versucht wurde Elisabeths Verhalten zu durchleuchten. Man merkt einfach, dass sie ein kaputter und vielschichtiger Charakter ist, der niemanden (auch den Zuschauer nicht) in ihr Inneres blicken lässt.

    Frage an dich: Hast du das große Finale auch schon so früh kommen sehen?

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Ich gebe unumwunden zu, dass ich ein Faible für M. Strong und J. Lithgow hege und sie mir deshalb vermutlich einfach auffallen müssen :D.
      Dass es noch ein Finale geben muss und es eigentlich nicht sein kann, dass einer so erfahrenen und abgebrühten Frau etwas „Dummes“ passiert, war irgendwie schon klar, aber wie genau es aussehen würde, ahnte ich nicht.

      Gefällt 1 Person

      Antwort

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