[Filmkritik] Arrival

Diejenigen, die eine enthusiastische Lobeshymne erwarten, seien bitte vorgewarnt. Leider werden sie enttäuscht werden, denn die folgende Kritik wird alles andere als das sein. Doch ihre Enttäuschung lässt sich kaum mit der vergleichen, die ich nach der Kinovorstellung gefühlt habe. Diese Kritik wird keine Spoiler enthalten. Eventuell werde ich noch eine ausführliche Filmbesprechung mit Diskussion einzelner Punkte (also Spoiler) veröffentlichen. Wie immer handelt es sich natürlich um meine subjektive Sicht. Es gibt viele begeisterte Stimmen. Ich freue mich für jeden, den der Film abgeholt hat und spreche niemandem ab, eine andere Meinung zu haben. Bitte lest nur weiter, wenn ihr eine kritische Sicht auf Arrival lesen möchtet.

arrival

Plötzlich sind sie da. Zwölf Raumschiffe senken sich über die Erde. Die Regierungen aktivieren das Militär. Wissenschaftler werden vor Ort gebracht, um herauszufinden, was die Fremden wollen. In den USA werden Linguistin Louise und Astrophysiker Ian in den Beraterstab berufen. Da Louise keine Möglichkeit sieht, die Laute der Außerirdischen innerhalb kurzer Zeit zu entschlüsseln, wendet sie sich der Schrift zu. Tatsächlich schafft sie es, eine Kommunikation aufbauen. Doch wird es rechtzeitig gelingen, die entscheidenden Fragen zu klären, bevor andere Staaten wie Russland und China zu einem kriegerischen Schlag gegen die Fremden ausholen?

Die fundamentale Idee des Films basierend auf der Theorie, dass Sprache die Wahrnehmung der Realität beeinflusst, und ihre weiteren Implikationen sind bestechend. Es ist sehr interessant, zu entdecken, wie die Macher dies alles filmisch umzusetzen versuchen. Sie stellen die Sehgewohnheiten der Zuschauer in Frage und spielen damit. So ehrenhaft das  ist und so sehr es zum Nachdenken anregt, so wenig überwältigend ist die Ausführung.

Während Filme wie Independence Day auf pure Action, Special-Effects, Panik und Bedrohung setzen, wählt Arrival einen erfrischend unaufgeregten Ansatz. Es wird auf  realistischere Weise gezeigt, wie eine Kontaktaufnahme zwischen Menschen und Außerirdischen aussehen könnte. Welche praktischen Schwierigkeiten (z.B. die der Sprachbarriere) es zu lösen gelte. Lange Einstellungen und die Kamera als Beobachter erzielen einen fast dokumentarischen Effekt und unterstützen die realistische Wirkung.

Der Interaktion zwischen Menschen und Außerirdischen wird in diesem Fall von Wissenschaftlern durchgeführt. Diese Szenen spielen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Vorgehensweisen. Hier regiert quasi Intellekt und Ratio, auch wenn Louise aufgeregt ist. Auf der anderen Seite sollen die Zuschauer emotional eingebunden werden. Hierzu dient Louise als Identifikationsfigur. Mit seinen wenigen Akteuren, Handlungsorten und vielen Großaufnahmen der Hauptfigur Louise gleicht Arrival einem Kammerspiel, was gut zur Grundthematik passt und die Einbindung der Zuschauer fördern kann. Amy Adams müht sich redlich und liefert eine sehr überzeugende Leistung ab. Sie blickt ängstlich, gequält, unsicher, entschlossen, traurig, verletzt. Sie atmet schwer, ihre Hände zittern. Trotzdem gelingt es nicht, den Zuschauer gefühlsmäßig einzubinden. Es ist nicht ihre Schuld, denn der Grund liegt vor allem darin, dass der Zuschauern Louises Charakter zu wenig kennenlernt. Bis zum Schluss erfährt er nicht, was für ein Mensch sie ist. Nicht einmal die Szenen mit ihrer Tochter Hannah schaffen es, den Zuschauer emotional zu erreichen. Trotz ernsten Hintergrunds zeichnen sie sich durch nichts Besonderes aus. Bis auf zwei Szenen, die mit Hannahs Schicksal zu tun haben, beschränken sie sich auf übliche Alltagssituationen. Auch eine übergroße Nähe oder außergewöhnliche Vertrautheit zwischen Mutter und Tochter lässt sich darin nicht ausmachen. Außer ein paar Andeutungen bleiben sie fast inhaltsleer. Der Erzählstrang wird auf seinen reinen, wenn auch unerlässlichen Zweck innerhalb des Gesamtkonzepts reduziert.

Dank der Fokussierung auf Louise entsteht ebenfalls keine Verbindung zwischen dem Kinopublikum und den übrigen Figuren. Daran können auch Schauspieler wie Forest Whitaker und Jeremy Renner nichts ändern, obwohl sich beide redlich schlagen. Ihr Können wird schlicht nicht genutzt, ja sogar verschenkt. Whitaker als Militärvertreter ist nicht viel mehr als das. Jeremy Renners Rolle des Astrophysikers Ian bleibt ebenso durchgehend blass. Tatsächlich trägt er lächerlich wenig zum Prozess der Kontaktaufnahme bei. Erst zum Ende hin tritt er stärker aus Louises Schatten, doch das geschieht nur in Hinblick auf die „große“ Auflösung, die auch ihn betrifft. Das ist umso trauriger angesichts der Tatsache, dass diese keineswegs so schockierend ausfällt wie von den Machern beabsichtigt. Vielmehr lässt sie sich meilenweit vorausahnen. Hierfür sind unter anderem die „versteckten“ Hinweise verantwortlich, die tatsächlich eher plump ausfallen und keinen versierten Zuschauer wirklich täuschen können. Letztlich werden alle Figuren auf ihre Funktion innerhalb des Gesamtgefüges limitiert, funktionieren aber nicht als Charaktere mit bestimmten Wesenszügen. Wäre Arrival das von den Fans proklamierte brillante Werk, dann würden die Szenen und Figuren auch in sich wirken.

Überhaupt liegt neben der fehlenden Emotionalität das Manko des Films in der Erwartungshaltung, die er schürt. Dem Zuschauer wird mit jeder Szene versprochen, dass sie bedeutungsvoller ist als er vordergründig wahrnehmen kann. Dass der Schluss mit einer überraschenden Wendung oder einer intellektuell sowie emotional überwältigenden Auflösung aufwarten kann. Doch vorerst wird der Zuschauer über weite Strecken mit langatmigen Einstellungen und Szenen vertröstet, von denen er dennoch hofft, dass sie ihre Bedeutung im Rückblick preisgeben werden. Es gibt Hinweise und Andeutungen und er versucht, sich seinen eigenen Reim darauf zu machen. Er hofft, dass mehr hinter ihnen steckt, als er zuerst vermutet, nur um dann festzustellen, dass es sich genauso verhält wie gedacht. Schon der Anfang des Films funktioniert  nach diesem Muster. Louises Aussagen aus dem Off geben sofort die Marschrichtung der Geschichte vor. Es lässt sich unschwer ableiten, welches Thema dem Ganzen zugrunde liegt. Worauf die große Enthüllung basieren wird. Jeder, der auch nur ein bisschen auf dem Feld der Science-Fiction generell, einer darin gerne behandelten Thematik im Speziellen oder populären Wissenschaftsthemen bewandert ist, wird schnell ahnen, wohin der Hase läuft. Dieser Umstand ist die größte Enttäuschung.

Die wissenschaftlichen Theorien, die der Film bemüht, regen zum Nachdenken an. Das ist lobens- und anerkennenswert. Es wird reichlich Diskussionsstoff geboten, ob das ein oder andere möglich oder paradox ist. Allerdings scheint darüber der Blick für die Lücken in der eigentlichen Geschichte getrübt worden zu sein. Einerseits fordert der Film seine Zuschauer, andererseits unterfordert er sie. Dass es dem Militär überlassen wird, sich mit dem außerirdischen Besuch auseinanderzusetzen, und Politiker oder Botschafter keinen Einfluss nehmen, ist schon sehr fragwürdig. Dass Soldaten aufgrund eines Youtube-Videos eigenmächtig handeln und Dinge möglich sind, die in einem Militärcamp absolut ausgeschlossen sein sollten, ist ein weiteres Beispiel. Auch wird wohl niemand von einer Linguistin erwarten, aufgrund einer kurzen Audioaufnahme eine ihr absolut fremde Sprache aufschlüsseln zu können. Es existieren noch einige andere „Fragwürdigkeiten“.

Visuell wird nichts wirklich Bahnbrechendes geboten. Natürlich beabsichtigt Arrival nicht mit Filmen wie Interstellar in Konkurrenz zu treten. Er möchte still sein und das spiegelt sich auch in der visuellen Umsetzung nieder. Ein paar Außerirdische, ein schwebendes Raumschiff in Form einer Kontaklinse, vertikaler Gang und Nebelschwaden sind alles, was der Film bieten möchte. Würden die Erwartungen an den Inhalt, die stetig geschürt werden, gehalten werden, wäre das auch völlig okay. So berauscht nicht einmal die Optik.

Der Soundtrack ist recht ungewöhnlich, was natürlich beabsichtigt ist, um die Fremdheit, Andersartigkeit der außerirdischen Wesen zu unterstreichen. Auch Inhalt und Atmosphäre werden unterstützt. Leider ist nicht festzustellen, ob es sich bei den brummenden Klangschöpfungen ausschließlich um eine Untermalung handelt oder ob sie von den Raumschiffen ausgehen und damit auch von den Figuren wahrgenommen werden können. Letzteres hätte definitiv noch mehr zur Atmosphäre beigetragen, doch die Figuren lassen sich nicht anmerken, ob sie von dem Brummen tangiert werden.

Letztlich enttäuscht Arrival. Emotional flach, versucht er zwanghaft etwas anderes vorzugeben. Der Versuch, eine intellektuelle, über den Film hinausweisende Ebene zu implementieren, gelingt in Teilen tatsächlich sehr gut, läuft aber den Lücken im eigentlichen Plot zuwider. Scheint er doch eigentlich das Denkvermögen seines Publikums aktivieren zu wollen, traut Arrival diesem aber schlussendlich nicht zu, eigene Schlüsse zu ziehen. Stattdessen serviert Louise eine fertige philosophische Frage, die mit Verlaub gesagt, wirklich nur von theoretischem Interesse in unserer Welt ist. Selbst das Ende schickt den Zuschauer noch mit einer Enttäuschung aus dem Kinosaal, weil es zu abrupt geschieht und ihn allzu unvermittelt entlässt. Für manche möglicherweise eindrucksvoll, für andere effektheischend.

5/10 Tickets

5Tickets

9 Gedanken zu „[Filmkritik] Arrival

  1. Morgen Luft

    Ich habe Arrival zum besten Film des Jahres 2016 gekürt und kann deine Kritik demnach nicht so nachvollziehen, wenn auch in manchen Punkten verstehen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass es jemals ein Anliegen des Films war, einem die Figuren näherzubringen, sondern dieser eher auf einer abstrakteren Ebene stattfindet, quasi Kommunikation über Kommunikation. Dieser Eindruck ist in der Kurzgeschichte noch deutlicher. Daraus ein solches Drehbuch zu machen ist schon beeindruckend und ich wünsche Eric Heisserer alles Gute, wenn er seinen Oscar dafür in den Händen hält. Es würde mich wundern, wenn nicht. Ich empfand auch das Mütterliche überhaupt nicht als Klischee, sondern als Notwendigkeit, die Kommunikation zu erklären. Ohne krankes Kind kein Konflikt. Die Frage, die daraus entsteht ist sicherlich nicht neu, aber doch intelligenter gestellt, als in manch anderem Film.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Ich denke, beide Meinungen haben ihre Berechtigung. Allein schon deshalb, weil jeder Filme eben anders empfindet. Leider hat Arrival mich allein emotional überhaupt nicht erreicht, dass erwarte ich aber von einem Spielfilm. Selbst bei den meisten Dokumentarfilmen, so es keine reinen Informationsfilme sind, möchte ich emotional angesprochen werden. Wie sehr, ist dann eine andere Frage, aber gar nicht ist schlecht. Für mich war Arrival sehr prätentiös. Man wollte zeigen, wie intelligent die Macher sind, hat aber den Zuschauer vergessen. Die Erwartungen waren, dass ich intellektuell und emotional involviert werde, letztlich habe ich mich aber in allen Bereichen unterfordert und veralbert gefühlt. Das Mütterliche selbst ist natürlich kein Klischee, aber wie es hier gezeigt/vermittelt wurde. Die Kurzgeschichte funktioniert da wahrscheinlich auch besser für mich. Für mich war Arrival ein Ärgernis. Die Mehrheitsmeinung ist aber auf Deiner Seite 😉 .

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      1. Morgen Luft

        Ach, Seiten… Ich mag unterschiedliche Meinungen. Sie fordern zum Über- und Neudenken heraus. Oft sehe ich dann bestimmte Dinge umfassender. Und ich gebe dir recht. Ein Film sollte einen irgendwo abholen.

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      2. Bette Davis left the Bookshop Autor

        Da hast du recht. Wenn man nur Kritiken lesen würde, die die eigene Meinung wiedergeben, wäre es ja sehr öde. Man möchte ja gerade wissen, was andere mochten oder eben nicht. Es ist ja zum Glück auch gerade bei künsterlischen Dingen oft so, dass man manchmal nicht viel mit ihnen anfangen kann und Jahre später sieht/hört man sie noch einmal und plötzlich erkennt man anderes/mehr in ihnen. Allerdings hat sich meine Meinung zu beispielsweise Titanic nie geändert. 🙂

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      3. Morgen Luft

        Die da wäre? Mir war der früher sehr egal, heute ist er mir sogar eine Sammlerbox wert, weil ich anerkennen kann, wie viel Liebe darin steckt. Ich meine aber nicht die unnötige Lovestory. Wobei die Klassenunterschiede natürlich auch eine schöne Ebene aufmachen.

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  2. friedlvongrimm

    Da ich nur mit der Info, dass es Sci-Fi ist und von Denis regissiert wurde, ins Kino gegangen war, wurde ich sehr vom Verlauf der Geschichte und dem Verzicht auf große Action überrascht. Aber ich kann vorallem dich bezüglich der Emotionalität verstehen. Auch wenn sie nicht ohne Grund im Film sind, empfand ich die anfänglichen mütterlichen Szenen und die versuchte Erklärung des Charakters von Amy Adams doch recht oberfläclich und distanziert. Und ziemlich Klischee. Aber mir hat die Message mit dem Zusammenarbeiten natürlich sehr gefallen.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Außer, dass Amy eine Linguistin ist, die mit Außerirdischen kommunizieren soll, wusste ichvorher auch nicht viel mehr über den Film. Ich fand ihn aber leider ziemlich schnell durchschaubar. Und mit diesem Klischee-Ding gebe ich dir auch sowas von Recht! Die Message unterschreibe ich natürlich auch immer wieder dick, aber deshalb allein kann ich einen Film leider nicht preisen. Und die Botschaft kommt ja eh immer nur bei denen an, die es ohnehin schon tun, oder? Deprimierend!

      Liken

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