[Rezension] Kai Meyer: Phantasmen

phantasmen

Überall auf der Welt erscheinen nach und nach die Geister von Toten. Sie leuchten, stehen einfach da und drehen sich im Lauf der Sonne um die eigene Achse.
Rain und ihre Schwester erwarten in der spanischen Wüste die Geister ihrer Eltern, die dort bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind. Sie wollen sich verabschieden, die Trauer abschließen. Ein junger Amerikaner ist ebenfalls da. Vermutlich hat auch er jemanden an Bord verloren. Als sich die Geister zeigen, legt sich plötzlich ein Grinsen auf ihr Gesicht. Ein tödliches. 

Phantasmen zeichnet mal ein ganz anderes Szenario vom Weltuntergang. Es gibt weder eine nukleare Katastrophe, noch eine Pandemie oder eine Zombieapokalypse. Geister als reale todbringende Erscheinungen sind durchaus innovativ und erfrischend. Die Umsetzung ist es dann leider nicht, denn die Geister sind zwar tödlich, aber auch reichlich langweilig. Sie stehen tatsächlich nur herum und grinsen hin und wieder. Ein wenig mehr Aktion wäre mehr als wünschenswert gewesen. Leider ist das nur ein Beispiel für sehr vielversprechende Ansätze, die nicht gebührend weiterverfolgt werden und verpuffen. Letzteres betrifft auch die endgültige Auflösung. Im Vergleich zum zurückgelegten, strapazenreichen Weg der Figuren fällt sie zu simpel und fade aus.

Die Geschichte spielt innerhalb weniger Tage und gleicht einem Wettrennen. Das ist insgesamt gut und mitunter auch spannend umgesetzt. Doch jetzt folgt das große ABER: Es gibt sehr viele Geschehnisse und Abläufe, die nicht schlüssig sind. Mancher wird jetzt einwerfen, dass Geister auch nicht existieren und ohnehin alles reine Fantasie ist. Okay, aber das heißt dennoch nicht, dass man innere Logik über Bord werfen sollte. Auch fantastische Zufälle und wundersame Rettungen am laufenden Band sind wenig glaubwürdig. Man muss schon ein Auge zudrücken, um sich nicht allzu sehr davon stören zu lassen.

Rain fungiert als Erzählerin. Ihre Schwester Emma hat sich nach dem Tod der Eltern anscheinend emotional so eingekapselt, dass sie stark autistische Züge aufweist. Trotzdem agiert sie im rechten Moment mit Vernunft und gesundem Menschenverstand und bringt die Handlung dadurch immer wieder voran. Ihre Charakterisierung ist überzeugend, wenn auch auf Dauer recht vorhersehbar. Wie die zwei Schwestern miteinander umgehen und wie sie von ihrer Vergangenheit geprägt werden, ist nachvollziehbar. Die übrigen Figuren bleiben allerdings eindimensional und berühren wenig.

Sprachlich stützt sich die Geschichte vor allem auf Beschreibungen. Das ist absolut nachvollziehbar, aber auf Dauer etwas ermüdend. Die immer neuen Gefahrensituationen bauen Spannung auf, die Beschreibungen dämpfen sie wieder. Abgesehen davon gibt es zwar wenige, aber dann sehr brutale Schilderungen.

Phantasmen birgt großes Potential, nutzt es aber enttäuschend wenig. Die Geschichte ist zwar im Großen und Ganzen durchdacht, doch Teilaspekte sind es leider nicht. Alles in allem wird solide Unterhaltung geboten, die völlig auf Spannung ausgerichtet ist und bei der nicht alles auf die Goldwaage gelegt werden darf.

3/5 Schreibmaschinen

3Writer

Kai Meyer, Phantasmen, Carlsen-Verlag 2016.

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