[Rezension] Robert Harris – Der zweite Schlaf: Der Roman hält, was der Titel verspricht

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Der junge Geistliche Fairfax erhält von seinem Bischof die Aufgabe, sich in einem entlegenen Dorf um die Beisetzung des dortigen Pfarrers zu kümmern. Vor Ort kommen ihm Gerüchte zu Ohren und merkwürdige Vorkommnisse machen ihn hellhörig. War es etwa kein unglückseliger Unfall, der Pfarrer Lacy ereilte? Trachtete ihm jemand nach dem Leben? Existiert vielleicht sogar ein Zusammenhang mit den Artefakten einer untergegangenen Zivilisation, die der Pfarrer sammelte und auch am Unglückstag an einem düsteren Ort suchte? Überbleibsel aus Plastik und Elektroteilen, die genauso wie die Bücher in seinem Besitz von der Amtskirche als blasphemisch verurteilt werden?

Robert Harris ist ein etablierter Bestsellerautor. Da darf man selbst ohne Kenntnis seiner bisherigen Werke eine gewisse Erwartungshaltung hegen.

Anfangs wähnen sich die Leser ins Mittelalter zurückgeworfen. Doch schon der Klappentext und bald auch der Roman verraten, dass die Geschichte keineswegs in der historischen Epoche spielt. Vielmehr ist es der Entwicklungsstand, den die Menschheit nach einem Totalzusammenbruch erneut erreicht hat. Sehr schnell und keinesfalls subtil wird klar, dass dieser unsere moderne Welt betroffen hat und die Geschichte somit in der Zukunft spielt. So einfach diese Prämisse klingt, so genial ist sie. Aber wie wird sie umgesetzt?

Vermutlich, um die geneigte Leserschaft anzusprechen und nicht vorzugaukeln, es handele sich um einen historischen Roman, wissen die Figuren also von Anfang von der großen Menschheitskatastrophe. Obwohl die Kirche eine ganz eigene Erklärung liefert und nicht jedes Detail bekannt ist, ist das grundsätzliche Wissen da. Es wäre jedoch sehr viel spannender, wenn es verloren gegangen wäre oder von der Kirche brutal unterdrückt würde. Wenn Fairfax und damit die Leser erst nach und nach dieser Verschwörung auf die Spur kommen würden. Es wird die Chance verschenkt, einen großartigen Twist zu inszenieren. Das Geheimnis, dass es stattdessen zu lösen gilt, ist kaum zugkräftig und seine Auflösung ist nicht besonders überraschend, geschweige denn, dass sie aufwühlen oder einen Aha-Effekt auslösen würde.

Die Handlung umfasst wenige Tagen und lediglich knapp 400 Seiten. Auf diesen begleiten die Leser Fairfax, teilen seinen Wissensstand, erfahren seine Gedanke. Sie sind sehr nah dran an seinem täglichen Leben und demzufolge den mittelalterlichen Zuständen. Was wiederum heißt, dass es unendlich viele detaillierte Beschreibungen davon gibt und wenig Platz für die Hintergründe bleibt. Der Kollaps, seine Ursachen und Folgen werden nur am Rande erwähnt. Diejenigen, die gerne dystopische oder apokalyptische Stoffe lesen, erhoffen sich ganz sicher mehr. Leider führt Harris‘ Umsetzung auch dazu, dass es zusehends so wirkt, als solle einfach ein aktueller Trend, der unsere Zivilisation von Klimawandel oder einer digitalen Welt bedroht sieht, genutzt werden.

Sogar die Figuren müssen hinter dem Alltäglichen zurückstehen. Ihre Vergangenheit, was sie zu dem gemacht hat, der sie sind, ihre Eigenschaften oder Lebenseinstellungen werden am Rand eingefügt. Fast wirkt es, als würden sie nur erwähnt, weil sich das eben so gehört. Selbst Protagonist Fairfax ist kaum tiefgründiger und vor allem nicht glaubwürdiger. Anfangs ringt er immer wieder mit sich, ob er gemäß seines Glaubens handelt und macht einen sehr frommen Eindruck. Vor die Wahl gestellt, wirft er seine Grundsätze jedoch überraschend leichthin über Bord. Der Wandel ist nicht recht nachvollziehbar.
Insgesamt bleibt das Personal oberflächlich und stereotyp, was dazu führt, dass man keine Empathie für ihr Schicksal empfindet. Außerdem fällt auf, dass Männer zahlenmäßig überwiegen. Zwei der drei Frauen, die eine Rolle spielen dürfen, bleiben lediglich Randfiguren. Die einzige, die etwas stärker in Erscheinung tritt, wird auf ihre Beziehung zu Männern reduziert. Da hilft es leider auch nicht mehr, dass sie etwas unkonventionell agiert.

Die Spannung bleibt völlig auf der Strecke. Wenn man überhaupt einen Spannungsbogen erkennen kann, dann höchstens einen sehr sachten.
Harris geizt mit Informationshäppchen, die die Geschichte vorantreiben oder die Leser neugierig machen. Selbst zum Ende hin hält er daran fest und beschreibt lieber gewöhnliche Tätigkeiten als das Tempo signifikant zu erhöhen. Alles verharrt auf der Stelle. Genauso wenig wie die Figuren entwickelt sich die Handlung wirklich weiter. Eher lässt sich feststellen, dass der Ablauf über weite Teile vorhersehbar und extrem konventionell gestaltet ist.

Ein so negativer Eindruck vom Werk eines Bestsellerautors wirft Fragen auf. War es der Ausrutscher eines ansonsten versierten Schriftstellers? Hätte es als Debüt einen Verleger gefunden? Oder gehört man schlicht nicht zur Zielgruppe? Zumindest die erste Frage könnte durch das Lesen eines weiteren Werks beantwortet werden. Ob man das nach dem aktuellen Buch noch möchte, ist jedoch mehr als fraglich.

Der zweite Schlaf möchte die Postapokalypse und das Mittelalter vereinen. Letztes überdeckt jedoch alles, so dass das Erste fast verlorengeht. Die Umsetzung ist trotz intelligenter Grundidee ermüdend und man muss aufpassen, dass man von ihm nicht wirklich in den Schlaf versetzt wird.

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Vielen Dank an den Heyne-Verlag und das Bloggerportal, die ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Die Rezension bzw. meine Meinung wurde dadurch natürlich in keiner Weise inhaltlich beeinflusst.

Robert Harris, Der zweite Schlaf, Heyne 2019.

4 Gedanken zu „[Rezension] Robert Harris – Der zweite Schlaf: Der Roman hält, was der Titel verspricht

  1. fraggle

    Ich bin bekennender Robert-Harris-Fan und damit natürlich dementsprechend erstaunt, welch unterschiedlicher Meinung man zu einem Buch sein kann. 🙂 Mir persönlich hat es ebenfalls sehr gut gefallen, auch wenn ich zugegeben muss, dass das weniger an der Handlung als am Setting liegt, welches den Roman, zumindest für mich, im Wesentlichen getragen hat.

    Dass Frauen fast nur als Randfiguren auftauchen, finde ich vor dem Hintergrund des Rückfalls in ein erneut religionsdominiertes Zeitalter übrigens nur logisch.

    Ich persönlich kann nur dazu raten, dem Herrn Harris eine zweite Chance einzuräumen, im Idealfall mit „Intrige“, einem Buch über die Dreyfus-Affäre.

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    1. Bette Davis left the Bookshop Autor

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Mir ist gestern eingefallen, dass „Vaterland“ ebenfalls von Harris ist und damit war „Der zweite Schlaf“ tatsächlich der zweite Roman, den ich von ihm gelesen habe. „Vaterland“ gefiel mir sehr gut, es liegt als wohl eher an mangelndem Engagement als an mangelndem Können.
      Das Setting hätte mich bei einem Mittelalter-Roman überzeugt, hier hätte die Apokalypse einfallsreicher eingebaut werden müssen, um den Unterschied zum historischen Genre klar zu machen. Eine historische Entwicklung läuft übrigens nie gleich ab, dass die Menschheit wieder dort gelandet ist, wo sie schon einmal war, also sehr unwahrscheinlich.
      Auch im letzten Punkt kann ich dir nicht zustimmen. Die Frauen sind vorhanden. In einer von Männern dominierten Welt führen sie dennoch ein Leben, haben Einfluss und viele Eigenschaften, die beschrieben werden können. Würde der Roman fast nur an öffentlichen Orten oder Orten der Macht spielt, würde ich dir recht geben, aber im Privaten können Frauen auch in patriarchischen Systemen mehrdimensional dargestellt werden.
      Aber schön, dass Dir das Buch gefallen hat. Für einen treuen Harris‘ Fan aber auch nicht unwahrscheinlich 🙂 .

      Gefällt 1 Person

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