[Rezension] Kate Morton: Die verlorenen Spuren

DieverlorenenSpuren

Mit fünfzehn beobachtet Laurel wie ihre Mutter einen fremden Mann ersticht.
Mit über fünfzig stellt sie sich der Vergangenheit und will herausfinden, was Dorothy dazu getrieben hat. Es ist eine Geschichte von Liebe, Verrat und Angst, die sich langsam entfaltet und während der Bombenangriffe auf London ihren Anfang nahm. 

Erzählt werden die Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven, die immer wieder wechseln und zurückkehren. So erfährt der Leser Dinge, welche die anderen Figuren nicht wissen. Das ist abwechslungsreich und hilft dem Spannungsaufbau. Da die Leser die Gedanken der Hauptfiguren erfahren, fällt es leicht, eine Bindung zu ihnen aufzubauen und sich in ihre Welt hineinzuversetzen.
Auch werden sie wieder mit viel Sympathie und Einfühlungsvermögen gezeichnet. Die Autorin meistert es hervorragend, psychologische Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen. Allerdings fällt manches, was den Figuren zugeschrieben wird, übertrieben aus. Warum reicht es nicht, dass Laurel eine erfolgreiche Bühnenschauspielerin ist? Nein, es muss ihr auch zugeschrieben werden die zweitbeliebteste Schauspielerin des Landes und sogar Oscargewinnerin zu sein. Eine andere Figur ist nicht einfach nur attraktiv und hübsch. Ihr wird gleich „überirdische“ Schönheit attestiert. Positiv ist jedoch, dass auch negative Eigenschaften nicht unerwähnt bleiben.

Auch sprachlich drückt sich die Autorin sehr einfühlsam aus und schafft es, Situationen und Orte bildhaft vor den Augen der Leser entstehen zu lassen. Glücklicherweise driftet sie trotz gefühliger Szenen nie ins Kitschige oder Schmalzige ab. Das ist ihr sehr hochanzurechnen. So sind Ihre Romane auch etwas für LeserInnen, die mit romantischer Literator sonst nicht viel anfangen können.

Wenn man einen Roman von Kate Morton gelesen hat, weiß man, was man beim nächsten erwarten kann. Dennoch schafft sie es, dasselbe Muster aus Spurensuche und Familiengeheimnissen, die nach Jahrzehnten gelüftet werden, immer wieder neu und interessant zu stricken. Ein Roman von Morton vermittelt deshalb das gleiche Gefühl der Vertrautheit und dennoch Neugier wie eine Tüte voller Lieblingsbonbons, bei der man über das Mischungsverhältnis rätselt. Allerdings weiß man ebenso, wie sie zu schmecken haben bzw. welches Leseerlebnis man sich von Morton erhofft. Dieses stellte sich im Fall von Die verlorenen Spuren jedoch erst allmählich ein und auf den letzten, sagen wir mal, 250 Seiten ein. Bei einem Umfang von über 600 Seiten ist das verbesserungswürdig.

In erster Linie liegt das daran, dass die Geschichte sehr weitschweifig erzählt wird. Einige Aspekte werfen im Nachhinein doch die Frage auf, welchem Zweck sie gedient haben. Sollten sie allein der Charakterzeichnung dienen, stellt das nur bedingt zufrieden, denn als Leser möchte man eigentlich, dass das Geheimnis und seine Auflösung im Zentrum stehen. Allerdings ist die schließlich auch nicht in allen Bereichen schlüssig. Glücklicherweise nimmt die Geschichte jedoch im letzten Drittel noch so viel Fahrt auf, dass die vorherigen, etwas zähen Abschnitte wettmacht werden, und auch das Ende ist so versöhnlich, dass man gerne ein Auge zudrückt.

Mit Die verlorenen Spuren bietet Kate Morton solide Kost nach gewohntem Muster. Das Geheimnis ist weitestgehend raffiniert konstruiert, die Figuren überzeugen ebenfalls mal mehr mal weniger stark, die Atmosphäre ist anheimelnd. Vielleicht handelt es sich nicht um den besten ihrer Romane, aber sicher um einen unterhaltsamen Schmöker, der 3 1/2 Schreibmaschinen einheimsen kann.

4writer12

Kate Morton, Die verlorenen Spuren, Diana-Verlag 2013.

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